Sunday, March 3, 2013

Tsunami in Rom

Monsignore Scicluna hat zehn Jahre lang im Namen des Vatikan Missbrauchsfälle aufgeklärt. Er spricht zum ersten Mal über Schockwellen und Vertuschung, über den Zölibat und die Kraft der Wahrheit.

onsignore Scicluna, im Oktober 2002 wurden Sie in der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre mit der Bearbeitung aller Fälle sexueller Übergriffe von Geistlichen auf Minderjährige betraut. Wie kommt man zu dieser Aufgabe?

In der römischen Kurie war ich kein Neuling. Nach dem Studium des Zivil- und des Kirchenrechts hatte ich seit 1996 in dem Obersten Gerichtshof der katholischen Kirche, der Apostolischen Signatur, gearbeitet, unter anderem als Sekretär einer Kommission, die den Entwurf eines wichtigen Dokumentes erarbeitete, in dem es um Ehenichtigkeitsverfahren ging.

Dieses Dokument wurde im Jahr 2002 vom Heiligen Stuhl unter dem Titel „Dignitas connubii“ veröffentlicht. Während meiner Arbeit als Sekretär dieser Kommission war man allerdings schon in der Glaubenskongregation auf mich aufmerksam geworden.

Was hat ein Kirchenrechtler in der Glaubenskongregation verloren, noch dazu als „promotor iustitiae“, frei übersetzt als Kirchenanwalt?

Die Glaubenskongregation war nie nur eine Behörde, sondern immer auch eine Gerichtsinstanz. In ihre Zuständigkeit fällt die Ahndung der schwersten Delikte, die es im Recht der Kirche gibt, etwa des Bruchs des Beichtgeheimnisses oder der sakramentalen Lossprechung von Mittätern in der Beichte. In solchen Verfahren gibt es einen Kirchenanwalt, „promotor iustitiae“ genannt. Dieser Posten war seit 1995 vakant und wurde 2002 neu besetzt.

Als Reaktion auf den Missbrauchsskandal in den Vereinigten Staaten, der in jenem Jahr weltweit Wellen schlug?

Nicht direkt. Schon im April 2001 hatte Papst Johannes Paul II. die Zuständigkeit der Glaubenskongregation um das Delikt „sexueller Missbrauch“ erweitert. Nun brauchte man einen Juristen, der sich ständig mit dieser Materie beschäftigte. Also holte man mich im Januar 2002 auf Probe in die Glaubenskongregation und ließ mich einen speziellen Missbrauchsfall bearbeiten, der dort mehrere Jahre liegengeblieben war, weil man kein Personal hatte.

Danach trug man mir nach Verhandlungen zwischen Kardinal Pompedda, dem Chef des Obersten Gerichtshofs, und Kardinal Ratzinger, dem Präfekten der Glaubenskongregation, an, das Amt des Kirchenanwalts zu übernehmen.

GERMANY

Frankfurter Allgemeine

01.03.2013